Gehprobleme: Vitaminmangel verstehen - Ein klinischer Überblick für Betroffene
Der Zusammenhang zwischen Vitaminmangel und Gehproblemen
Gehprobleme und Gangunsicherheit entstehen nicht ausschließlich durch Gelenkverschleiß oder Verletzungen. Vitamin-B12-Mangel kann zu Myelopathie und peripherer Neuropathie führen, die zu Gangstörungen und Gangunsicherheit beitragen. 1 Dabei verläuft die Nervenschädigung oft schleichend über Wochen und Monate, bevor sie als motorisches Problem wahrgenommen wird. Betroffene beschreiben häufig ein Taubheitsgefühl in den Füßen, gefolgt von zunehmender Koordinationsschwäche beim Gehen.
Damit ein Muskel willkürlich bewegt werden kann, muss das Gehirn ein Signal durch Hirnstamm, Rückenmark und periphere Nerven bis zur neuromuskulären Endplatte senden. 7 Sind Teile dieser Signalkette durch Nährstoffmangel beschädigt, resultiert daraus echte Muskelschwäche oder Koordinationsverlust. Vitamine fungieren in nahezu allen Stoffwechselprozessen als Cofaktoren und sind damit unverzichtbar für die Integrität des gesamten Nervensystems.
Vitamin B12: Nervenfunktion und subakute Rückenmarksdegeneration
Vitamin B12 ist essenziell für die Bildung von Nervenzellen und roten Blutkörperchen. Ein ausgeprägter Mangel führt zu Taubheitsgefühlen in Händen und Füßen, oft begleitet von Müdigkeit, Schwäche und Gleichgewichtsstörungen. 2 Im klinisch fortgeschrittenen Stadium kann ein kombinierter B12- und Folsäuremangel zur subakuten kombinierten Degeneration des Rückenmarks führen, einer schwerwiegenden neurologischen Erkrankung mit ausgeprägter Gangunsicherheit. 5
Erwachsene benötigen täglich rund 2,4 Mikrogramm Vitamin B12, ältere Menschen meist etwas mehr, da die Aufnahmefähigkeit mit den Jahren sinkt. 2 Ein besonderes Risiko haben Veganer und Vegetarier, da B12 fast ausschließlich in tierischen Produkten vorkommt. Auch Personen mit Magen-Darm-Erkrankungen wie Morbus Crohn oder nach Magenoperationen nehmen das Vitamin schlechter auf. Das BZgA-Portal bestätigt, dass B12-Mangel neben Blutarmut auch messbare neurologische Störungen verursachen kann. 8
Vitamin D: Muskelschwäche, Knochenstoffwechsel und Sturzrisiko
Vitamin D trägt zur Knochen- und Muskelstärke bei. Fehlt es, können Betroffene Muskelschwäche, Knochenschmerzen und ein erhöhtes Sturzrisiko entwickeln, was die Gehfähigkeit direkt beeinträchtigt. 9 Laut Studien liegt bei ungefähr 60 Prozent der Menschen in Deutschland ein suboptimaler oder klarer Vitamin-D-Mangel vor. 6 Im Winter hat mehr als die Hälfte der deutschen Erwachsenen einen mangelhaften Vitamin-D-Spiegel, im Sommer sind es nur etwa 8 Prozent. 3
Ein Vitamin-D-Wert von unter 30 nmol/l gilt laut staatlichen Gesundheitsorganisationen als Mangel, während Werte zwischen 30 und 50 nmol/l als suboptimal eingestuft werden. 3 Vitamin D kann der Körper kaum über die Nahrung aufnehmen, da es hauptsächlich durch Sonnenlicht gebildet wird. In Deutschland reicht die Sonnenintensität zwischen Oktober und März nicht aus, um den Bedarf zu decken. 10 Risikogruppen sind ältere Menschen, Personen mit dunklem Hauttyp und Menschen mit Übergewicht oder chronischen Erkrankungen.
Vitamin B1, Vitamin E und Folsäure: Weitere neurologische Auslöser
Thiamin (Vitamin B1)-Mangel kann zum Wernicke-Korsakoff-Syndrom führen, das klinisch mit Ataxie, Gleichgewichtsstörungen und ausgeprägter Gangunsicherheit einhergeht. 4 Dieses Syndrom tritt besonders bei Personen mit chronisch hohem Alkoholkonsum auf; zwischen 22 und 66 Prozent aller Alkoholkranken leiden früher oder später an einer Polyneuropathie. Für eine Besserung sind ein sofortiger Alkoholverzicht und die Gabe von B-Vitaminen unerlässlich. 11

Vitamin-E-Mangel verursacht progressive neurologische Symptome einschließlich Ataxie und Gangstörungen durch Nervenschädigung. 4 Fettlösliche Vitamine wie A, D, E und K erfordern für ihre normale Resorption Nahrungsfette, Galle und Pankreasenzyme. Ein Mangel an Fetten durch gestörte Verdauung betrifft häufig mehrere dieser Vitamine gleichzeitig, was das klinische Bild komplex macht. 12 Folsäuremangel in Kombination mit B12-Mangel verstärkt neurologische Symptome einschließlich Gehstörungen und kann zu megaloblastärer Anämie führen. 5
Verbreitung, Risikogruppen und typische Symptommuster
In Deutschland sind Mängel an Vitamin D, Vitamin B12, Eisen sowie seltener an Vitamin C, A und E besonders relevant. Solche Defizite zeigen sich durch Müdigkeit, geschwächte Abwehr, neurologische Beschwerden oder Anämie. 13 Eisenmangel verursacht Anämie mit Schwindel, Kopfschmerzen und Müdigkeit, die ebenfalls zu Gehproblemen beitragen können, da der Körper nicht über genügend rote Blutkörperchen für den Sauerstofftransport verfügt. 6
| Vitamin/Nährstoff | Neurologische Auswirkung auf Gehfähigkeit | Besonders betroffene Gruppen |
|---|---|---|
| Vitamin B12 | Periphere Neuropathie, Rückenmarksdegeneration, Taubheit | Veganer, ältere Menschen, Magenerkrankte |
| Vitamin D | Muskelschwäche, erhöhtes Sturzrisiko, Knochenschmerzen | Ältere, Personen mit geringer Sonnenlichtexposition |
| Vitamin B1 (Thiamin) | Ataxie, Gleichgewichtsstörungen (Wernicke-Syndrom) | Alkoholabhängige, Unterernährte |
| Vitamin E | Progressive Ataxie, Nervenschädigung | Personen mit Fettresorptionsstörungen |
| Folsäure + B12 | Subakute kombinierte Rückenmarksdegeneration | Schwangere, ältere Menschen |
Diagnose, Grenzen der Selbsteinschätzung und Risiken unbehandelter Mängel
Ein Mikronährstoffmangel entwickelt sich meist schleichend. Müdigkeit wird als Stress interpretiert, Konzentrationsprobleme als Überlastung und Gehschwäche als altersbedingt. Dabei kann hinter solchen Symptomen eine suboptimale Versorgung mit Vitaminen stehen, die labordiagnostisch erfassbar ist. 7 Zur objektiven Diagnose dienen Bluttests wie 25-OH-Vitamin D, Serum-B12 und Ferritin. Ärztliche Abklärung ist wichtig, bevor eine dauerhafte Supplementierung beginnt, um Überdosierungsrisiken zu vermeiden. 13
Langfristige Defizite können in einen chronischen Mangel übergehen und zu schweren, teils irreversiblen Schäden führen. Beispiele sind neurologische Folgeschäden nach langjährigem Vitamin-B12-Mangel oder Rachitis bei schwerem Vitamin-D-Mangel. 14 Besonders relevant ist, dass viele Mängel lange unter der klinischen Schwelle bleiben, da der Körper kompensiert, bis die Reserven aufgebraucht sind. Wer dann Gangprobleme spürt, hat oft schon monatelange Unterversorgung hinter sich. Verlässliche Informationsstellen in Deutschland sind die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), das Robert Koch-Institut (RKI) und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). 13
Quellen
- Deutsches Ärzteblatt – aerzteblatt.de/archiv/141269/Vitaminmangel-Neurologie
- Merkur.de – Welche Vitamine fehlen, wenn die Hände oft taub sind? (02.09.2025)
- Nutrizentrale.com – Vitamin D Mangel: Symptome, Ursachen und Risikogruppen
- Klinik für Neurologie Heidelberg / Charité Berlin – Vitamin E und B1-Mangelfolgen (klinikum.uni-heidelberg.de; charite.de)
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – Subakute kombinierte Rückenmarksdegeneration (bfarm.de)
- Sportnebe.de – Der unterschätzte Vitaminmangel, der bei 60% der Deutschen vorliegt
- MSD Manual (DE) – Schwäche: Störungen der Hirn-, Rückenmarks- und Nervenfunktion (msdmanuals.com)
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) – gesund.bund.de/vitamin-b12-mangel
- Stiftung Gesundheitswissen – Vitamin-D-Mangel und Muskelschwäche (stiftung-gesundheitswissen.de)
- DoctorBox – Gut essen reicht oft nicht: warum stille Nährstoffmängel so häufig sind (shop.doctorbox.de)
- MyWayBettyFord.de – Polyneuropathie durch Alkohol: Symptome, Ursachen und Therapie
- ILiveok.com (DE) – Mangel an fettlöslichen Vitaminen: Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung
- EvoVivo.ch – Was hilft bei Vitaminmangel? (evovivo.ch)
- Zukunftswelle.de – Was ist ein Vitaminmangel und wie erkennst du ihn?